Antville ist doch etwas in die Jahre gekommen und ich habe zudem beschlossen, dieses Projekt auf eigene Beine zu stellen. Denn wenn ich mit meinem CD-Regal mal durch sein sollte, würde ich gerne auch wieder mehr über aktuelle Sachen und die Musik schreiben, die ich gerade so höre. Daher geht es hier weiter:
Ok, ich konnte noch nie was mit R&B anfangen. Schon gar nicht mit den Sachen, die zwischen 1997 und 2010 so produziert wurden. In meinen Ohren klangen die meisten extrem ähnlich und boten relativ bis gar keine musikalische Abwechslung. "Weichgespülter Schrott" war damals mein gängiges Urteil über alles, was aus der Richtung kam. Über ein Album schrieb ich mal, dass es einem vorbei glitscht wie Tomatensoße auf einer verölten Pasta.
Es ist noch nicht mal so, dass ich mit R&B, Funk oder HipHop in den 90ern gar nichts anfangen konnte. Ich war mal schwer verliebt in eine niederländische Funk-Band (kommt hier auch noch), mochte den R&B der 80er-Jahre. Und natürlich alles, was so an Soul und Funk in den 70ern die Runde machte. Aber das Zeug, das in den späten 90ern und frühen 2000ern lief, löste bei mir gnadenlose Langeweile und ein bisschen Ekel aus.
Gegen Ende der 90er war ich allerdings auch etwas Musik-müde. Nach knapp 20 Jahren absoluter Dauerbeschallung und vor allem einem leichten Burnout von der Industrie, kam ich an einen Punkt, an dem sich zwischen der Musik im allgemeinen und mir eine leichte Feindschaft entwickelte.
Das hatte auch damit zu tun, dass ich nur wenig neue Musik fand, die mich wirklich begeisterte. Sicher, hier und da gab es sensationelle Alben, aber es gab nach den vielen Bewegungen in den 90ern keine Szene mehr, keinen Stil, dem ich mich anschließen wollte oder konnte. Die trübe Suppe, die R&B darstellte, kam da gerade richtig.
Nicht die Künstler oder die Musik im Generellen waren an meiner recht abrupten Abwendung von der Musikbranche schuld. Es war der Burnout, der sich über Jahre in langen Nächten, rund 600 Konzerten in 9 Jahren und dem Hören von schätzungsweise 4000 Alben angestaut hatte. Dazu kam, dass die Musikbranche sich Ende der 90er massiv veränderte. Von einer eher auf Künstler zugeschnittenen Kultur zu einer hektischen "One-Hit-Wonder" Maschine. Und R&B war nach Techno die zweite Musikwelle, die man gnadenlos ausschlachtete.
Im Nachhinein waren das die beiden Hauptgründe, warum ich Ende der 90er die Branche mehr oder weniger über Nacht verließ, drei Monate im Bett lag und am Schluss tatsächlich mal für sechs Wochen obdachlos war, weil die Wohnung, in der ich lebte, zwangsversteigert wurde und ich innerhalb einer Woche raus musste (andere Geschichte).
Dass das Album die damalige Zeit und die Zeit danach es irgendwie geschafft hat, dann doch in meiner Sammlung zu verbleiben, lag tatsächlich an Rahsaan Patterson. Ich hatte das erste Album (wurde aussortiert) und das zweite Album von ihm. Und "Love in Stereo" blieb dann bei mir, weil das Album, zumindest teilweise, erfreulich viele musikalische Zitate aus den 70ern und 80ern hat.
Da gibt es fette Bläsereinsätze, Keyboardeinsätze wie bei Rose Royce und beim ein oder anderen Song hat er frech bei Stevie Wonder geklaut Anleihen genommen. Es ist immer noch R&B und das ist immer noch nicht meine Lieblingsmusik, aber es ist verspielt und gut genug, dass ich es behalten habe. Es lag diverse Male auf dem "Kann weg" Stapel und wenn ich es heute höre, bin ich auch eher überrascht, dass es weiterhin in meinem Besitz ist. Aber vielleicht finde ich irgendwann mal Zugang zu R&B und dann ist Rahsaan Patterson kein schlechter Einstieg.
4/10
Fast aus dem gleichen Jahr wie das Semisonics Album stammt das Debüt von Leona Naess. Die Dame hat eine illustre Familie, in der sich einige Musiker und Schauspieler tummeln. Ihr Vater war in den 80er-Jahren mal mit Diana Ross verheiratet, was ihrer Entscheidung, Musikerin zu werden, sicher nicht geschadet hat. Das Debüt-Album einzuordnen, ist nicht so ganz leicht. Ich habe mich in die Wayback-Machine gestürzt, um zu schauen, was die Magazine damals so geschrieben haben. Da war dann alles dabei. Von "Beachtenswert" bis zu einem etwas despektierlichen "Zuckerwatte ohne Gehalt".
Ich mochte das Album sofort, als es auf den Markt kam. Ich meine, Kollegin C. aus der Musikbranche machte mich auf Naess aufmerksam, was ich dann mehr oder weniger blind kaufte, da ich der Kollegin in Sachen Musikgeschmack relativ blind vertraute. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Sie schwirrt irgendwo im Eddie Brikell, Tori Amos, Danielle Brisebois Universum herum, ohne sich auf dem Debüt allerdings allzu weit abzuheben oder musikalisch aus dem Fenster zu lehnen. Es ist dann doch eher ein Pop-Album, ohne den Anspruch zu haben, etwas anderes sein zu wollen. Was man dann auch an den Texten merkt, die jetzt nicht gerade großen Tiefgang besitzen. Collage-Girl-Pop, und ich meine das nicht abwertend.
Naess brachte noch drei weitere Alben raus, darunter "I tried to rock you but you only roll", das etwas besser lief als das Debüt. Ende der 00-er Jahre verschwand sie dann aus der Öffentlichkeit und tauchte seitdem auch nicht mehr auf.
Ich mag das Album. Es erinnert mich, zumindest teilweise, an Nina Nastasia, eine meiner liebsten Neo-Folk Sängerinnen aus den USA. Auch wenn die Texte manchmal etwas klebrig sind, die Songs sind wunderbar leicht, sehr schön und einfallsreich produziert. Sie schweben durch den Raum und verbreiten nichts anderes als eine warme Stimmung. Der Titelsong des Albums spiegelt das sehr schön wider.
Das ist kein großes Album, keins, das es mich begeistert, anderen Leuten empfehlen lässt. Aber es hat ein paar Songs, die in meinem Repertoire seit 20 Jahren immer mal wieder auftauchen. Denn es gibt ja diese Songs, die wie ein altes Stofftier in der Ecke schlummern, aber wenn man sie wiederentdeckt, hat man dieses wunderbare, warme Gefühl. Und Nostalgie ist ja auch nichts Schlechtes.
5,5/10
Es gibt ja nicht wenige Bands, bei denen man vor allem im Nachhinein denkt: "Warum ist aus denen eigentlich nichts geworden?". Semisonic gehören in die Kategorie. Gerade mal drei Alben hat man veröffentlicht, und "All About Chemistry" aus dem Jahr 2001 ist das letzte echte Album der Band, die offiziell allerdings immer noch existiert.
Ich hatte schon immer eine kleine Schwäche für Alternative Pop/Rock Bands mit gefälligen Sounds. Swell (zu denen komme ich sicher auch irgendwann), Berlin, Charlatans... die Reihe an Bands, die in der Sparte rumschwirren, ist lang. Ebenso lang wie die Liste an Bands, die irgendwie gut waren, es aber nie so richtig geschafft haben. Semisonic hatte zumindest mit "Closing Time" immerhin einen kleinen Hit in den USA, aber mehr kam aus ihnen dann nicht heraus. Obwohl erstaunlicherweise gerade das letzte Album eigentlich voll mit radiotauglichen, eingängigen und hübschen Songs ist.
Semisonic machen Musik, die man bequem im Hintergrund hören kann. Eine Mischung aus Collage-Rock, Alternative-Rock und Pop. Wer Tiefe erwartet, sollte sich zwar woanders umschauen, aber das Songwriting von Bandleader Dan Wilson ist extrem gut und nimmt einen auf eine schöne, nicht allzu intensive Reise mit. Wilson hat mit Semisonic nicht den großen Erfolg gefunden, was etwas schade ist. Aber dafür hat er als Songwriter für andere Künstler jede Menge Geld verdient. Der Hit von Adele "Someone Like You" geht zum Beispiel auf sein Konto und die Einnahmen dürften ausreichen, um gut durchs Leben zu kommen.
Ich habe keine besondere Verbindung zur Band. Nie zum Interview gehabt, nie live gesehen und an besondere Momente mit dem Album erinnere ich mich auch nicht. Wohl aber, dass es diverse Aussortierungen überlebt hat, weil ich jedes Mal dachte: "Ach, das ist doch eigentlich sehr hübsch, so für zwischendurch."
Wie zuvor erwähnt, habe ich eine Schwäche für diese Art der Musik. Das Leben ist oft nervig, kompliziert und erschöpfend genug. Da brauche ich dann etwas, was nicht stört, was schön und oberflächlich ist und ein wenig gute Laune macht. Manchmal braucht es nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was auch der Grund war, warum das Album jahrelang in meinen Autos rumflog. Es ist Musik, die wie die Landschaft an einem vorbeifliegt. Man denkt "Aha, ein Feld mit einem hübschen Baum" und einen Kilometer später hat man es schon wieder vergessen.
Ich habe seit zehn Jahren kein Auto mehr und vermutlich habe ich Semisonic auch seit dieser Zeit nicht mehr gehört. Jetzt ist der Titelsong "Chemistry" wieder in meiner Streaming-Playlist gelandet, die ich für jedes Jahr erstelle.
6,5/10
#001 The Presidents of the United States of America - The Presidents of the United States of America
Erstes Album aus meiner verstaubten CD-Sammlung und direkt eine Band, mit der ich eigentlich nie so viel anfangen konnte. POTUS tauchte Mitte der 90er auf und sie stammten aus Seattle. Das war damals für die Labels schon allein Grund, eine Band unter Vertrag zu nehmen. Ich stolperte über die Band auch nur, weil sie bei Columbia unter Vertrag war und auf meinem Tisch landete. Sie hatten den damals üblichen Weg hinter sich. Indie-Label hatte sie entdeckt, das Album landete irgendwann mal auf dem Tisch eines A&R bei Sony/Columbia.
Columbia war eigentlich das eher "konservative" Label bei Sony. Für den Krawall war "Epic" zuständig. Aber es gab natürlich auch Konkurrenz zwischen beiden Sub-Labels und so schnappte sich Columbia ein paar Bands, die gerade auf der Grunge-Welle mit schwimmen wollten.
Wobei man POTUS zugute halten muss, dass sie aus der Punk-Ecke stammten, was man hier und da auch noch bei den Bass-Läufen, oft nur mit drei Saiten bespannt, hören kann. Ist jetzt aber auch nicht so, dass die Band sonderlich komplexe Musik spielte. Verspielter als die meisten Grunge-Bands und vor allem mit einer guten Portion Humor ausgestattet, war das erste selbst betitelte Album eine ganz nette Angelegenheit.
Der einzige wirklich große Hit der Band stammt auch von dem Album. "Peaches" ist nett, ein wenig amüsant mit einem, nun ja, eher nihilistischen Text. Aber schön produziert mit einem Refrain, der zum Mitgrölen animiert. So ein bisschen zwischen den frühen Midnight Oil und Red Hot Chili Peppers angesiedelt, passten Song und Album ganz gut in die damalige Zeit.
Ich kannte etliche Leute, die das Album in Dauerschleife hörten und mir in den Ohren lagen, dass es das nächste große Ding sei. Ich war da eher skeptisch. Gefällig ja, etwas ausgefallen, aber dann auch wieder oberflächlich fand ich die ganze Sache. Anders als die meisten fand auf dem Album auch nicht "Peaches" so toll, sondern "Dune Buggy", "Back Porch" und "Candy". Schöner Song, gute Musik beim Autofahren.
POTUS machte dann auch nicht lange. Das zweite Album schlug in die gleiche Kerbe, kam aber zu spät, weil Grunge nicht mehr so angesagt war und die Leute eher zwischen Pulp, Portishead und Elektro hin und her schwankten. Die Band löste sich 1998 auf, probierte ein paar Restarts, trennte sich dann aber laut Wikipedia 2015 endgültig.
POTUS ist ein schönes Beispiel für ein "One-Hit-Wonder" im Rockbereich. Talentiert, aber dann leider nicht in der Lage, dem Genre Grunge/Surfpunk eine neue Richtung zu geben. Es gab deutlich bessere Bands, die damals unterwegs waren (und auch nicht erfolgreich wurden). Ein paar davon werden hier auch noch auftauchen.
Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht heute, dass das Album all meine Entrümplungsanfälle überlebt hat. Als ich es heute erneut gehört habe, fand ich es tatsächlich etwas besser, als ich es in Erinnerung hatte. Am Ende war es, glaube ich, "Dune Buggy" das sie vor dem Verkauf auf dem Flohmarkt gerettet haben.
4/10
Nächste Seite