Donnerstag, 12. März 2026

Ok, ich konnte noch nie was mit R&B anfangen. Schon gar nicht mit den Sachen, die zwischen 1997 und 2010 so produziert wurden. In meinen Ohren klangen die meisten extrem ähnlich und boten relativ bis gar keine musikalische Abwechslung. "Weichgespülter Schrott" war damals mein gängiges Urteil über alles, was aus der Richtung kam. Über ein Album schrieb ich mal, dass es einem vorbei glitscht wie Tomatensoße auf einer verölten Pasta.

Es ist noch nicht mal so, dass ich mit R&B, Funk oder HipHop in den 90ern gar nichts anfangen konnte. Ich war mal schwer verliebt in eine niederländische Funk-Band (kommt hier auch noch), mochte den R&B der 80er-Jahre. Und natürlich alles, was so an Soul und Funk in den 70ern die Runde machte. Aber das Zeug, das in den späten 90ern und frühen 2000ern lief, löste bei mir gnadenlose Langeweile und ein bisschen Ekel aus.

Gegen Ende der 90er war ich allerdings auch etwas Musik-müde. Nach knapp 20 Jahren absoluter Dauerbeschallung und vor allem einem leichten Burnout von der Industrie, kam ich an einen Punkt, an dem sich zwischen der Musik im allgemeinen und mir eine leichte Feindschaft entwickelte.

Das hatte auch damit zu tun, dass ich nur wenig neue Musik fand, die mich wirklich begeisterte. Sicher, hier und da gab es sensationelle Alben, aber es gab nach den vielen Bewegungen in den 90ern keine Szene mehr, keinen Stil, dem ich mich anschließen wollte oder konnte. Die trübe Suppe, die R&B darstellte, kam da gerade richtig.

Nicht die Künstler oder die Musik im Generellen waren an meiner recht abrupten Abwendung von der Musikbranche schuld. Es war der Burnout, der sich über Jahre in langen Nächten, rund 600 Konzerten in 9 Jahren und dem Hören von schätzungsweise 4000 Alben angestaut hatte. Dazu kam, dass die Musikbranche sich Ende der 90er massiv veränderte. Von einer eher auf Künstler zugeschnittenen Kultur zu einer hektischen "One-Hit-Wonder" Maschine. Und R&B war nach Techno die zweite Musikwelle, die man gnadenlos ausschlachtete.

Im Nachhinein waren das die beiden Hauptgründe, warum ich Ende der 90er die Branche mehr oder weniger über Nacht verließ, drei Monate im Bett lag und am Schluss tatsächlich mal für sechs Wochen obdachlos war, weil die Wohnung, in der ich lebte, zwangsversteigert wurde und ich innerhalb einer Woche raus musste (andere Geschichte).

Dass das Album die damalige Zeit und die Zeit danach es irgendwie geschafft hat, dann doch in meiner Sammlung zu verbleiben, lag tatsächlich an Rahsaan Patterson. Ich hatte das erste Album (wurde aussortiert) und das zweite Album von ihm. Und "Love in Stereo" blieb dann bei mir, weil das Album, zumindest teilweise, erfreulich viele musikalische Zitate aus den 70ern und 80ern hat.

Da gibt es fette Bläsereinsätze, Keyboardeinsätze wie bei Rose Royce und beim ein oder anderen Song hat er frech bei Stevie Wonder geklaut Anleihen genommen. Es ist immer noch R&B und das ist immer noch nicht meine Lieblingsmusik, aber es ist verspielt und gut genug, dass ich es behalten habe. Es lag diverse Male auf dem "Kann weg" Stapel und wenn ich es heute höre, bin ich auch eher überrascht, dass es weiterhin in meinem Besitz ist. Aber vielleicht finde ich irgendwann mal Zugang zu R&B und dann ist Rahsaan Patterson kein schlechter Einstieg.

4/10




Fast aus dem gleichen Jahr wie das Semisonics Album stammt das Debüt von Leona Naess. Die Dame hat eine illustre Familie, in der sich einige Musiker und Schauspieler tummeln. Ihr Vater war in den 80er-Jahren mal mit Diana Ross verheiratet, was ihrer Entscheidung, Musikerin zu werden, sicher nicht geschadet hat. Das Debüt-Album einzuordnen, ist nicht so ganz leicht. Ich habe mich in die Wayback-Machine gestürzt, um zu schauen, was die Magazine damals so geschrieben haben. Da war dann alles dabei. Von "Beachtenswert" bis zu einem etwas despektierlichen "Zuckerwatte ohne Gehalt".

Ich mochte das Album sofort, als es auf den Markt kam. Ich meine, Kollegin C. aus der Musikbranche machte mich auf Naess aufmerksam, was ich dann mehr oder weniger blind kaufte, da ich der Kollegin in Sachen Musikgeschmack relativ blind vertraute. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Sie schwirrt irgendwo im Eddie Brikell, Tori Amos, Danielle Brisebois Universum herum, ohne sich auf dem Debüt allerdings allzu weit abzuheben oder musikalisch aus dem Fenster zu lehnen. Es ist dann doch eher ein Pop-Album, ohne den Anspruch zu haben, etwas anderes sein zu wollen. Was man dann auch an den Texten merkt, die jetzt nicht gerade großen Tiefgang besitzen. Collage-Girl-Pop, und ich meine das nicht abwertend.

Naess brachte noch drei weitere Alben raus, darunter "I tried to rock you but you only roll", das etwas besser lief als das Debüt. Ende der 00-er Jahre verschwand sie dann aus der Öffentlichkeit und tauchte seitdem auch nicht mehr auf.

Ich mag das Album. Es erinnert mich, zumindest teilweise, an Nina Nastasia, eine meiner liebsten Neo-Folk Sängerinnen aus den USA. Auch wenn die Texte manchmal etwas klebrig sind, die Songs sind wunderbar leicht, sehr schön und einfallsreich produziert. Sie schweben durch den Raum und verbreiten nichts anderes als eine warme Stimmung. Der Titelsong des Albums spiegelt das sehr schön wider.

Das ist kein großes Album, keins, das es mich begeistert, anderen Leuten empfehlen lässt. Aber es hat ein paar Songs, die in meinem Repertoire seit 20 Jahren immer mal wieder auftauchen. Denn es gibt ja diese Songs, die wie ein altes Stofftier in der Ecke schlummern, aber wenn man sie wiederentdeckt, hat man dieses wunderbare, warme Gefühl. Und Nostalgie ist ja auch nichts Schlechtes.

5,5/10